Teilbereiche der Visuellen Wahrnehmung

In Anlehnung an den derzeitigen Stand der wissenschaftlichen Forschung und der vorhandenen Tests geht man von mehreren Teilleistungen in der visuellen Wahrnehmungsverarbeitung aus.

Nachfolgend werden die derzeit gültigen Teilfunktionen in Anlehnung an das Konzept von Marianne Frostig vorgestellt.

 

Auge Hand Koordination

Die Auge - Hand Koordination ist die Fähigkeit, Bewegungen des Körpers oder Bewegungen von Körperteilen (z.B. Hand) mit dem Sehen zu koordinieren. Wenn ein Sehender nach etwas greift, werden seine Hände durch seinen Sehsinn geleitet. (Lichtenauer et al., 2011)

Die komplikationslose Durchführung beinahe jeder Handlungsfolge hängt von einer ungestörten Koordination von Augen und Motorik ab.

 

Figur – Grund – Wahrnehmung

Die Figur – Grund – Wahrnehmung ist die Fähigkeit, versteckte und sich überkreuzende Figuren zu erkennen und misst dabei eine Unterscheidungsfähigkeit auf hohem kognitiven Niveau. Das Kind lernt durch Übungen in diesem Bereich, sich auf wichtige Stimulie zu konzentrieren, durch Unterscheiden von Details diese als Figur zu sehen und sie von Ihrem Hintergrund abzuheben. Unwichtige Details müssen dabei ausgeblendet werden.

(Lichtenauer et al., 2011)

 

Formkonstanz

Aufgrund der Formkonstanz sind wir im Stande, bestimmte Eigenschaften eines Gegenstandes unter verschiedenen Blickwinkeln trotz unterschiedlichen Sinneseindruck im Auge verändert wahrzunehmen. Unabhängig von gewissen Merkmalen (Größe, Position, Struktur, Farben, Schattierungen) kann die ursprüngliche Form wiedererkannt werden.

Sie ist eine wichtige Vorraussetzung, um beispielsweise geometrische Formen unabhängig von Größe, Farbe oder Lage zu erkennen und später Buchstaben, auch wenn sie in einem anderen Wort vorkommen oder in einer anderen Schrift geschrieben sind.

(Lichtenauer et al., 2011)

 

 

Wahrnehmung der Lage im Raum

Im Laufe seiner Entwicklung erwirbt das Kind die Erkenntnis, dass es selbst (räumlich gesehen) der Mittelpunkt seiner eigenen Welt ist. Es nimmt Gegenstände als hinter, vor, über, unter, neben sich wahr. Die Wahrnehmung der Raumlage ist also die Beziehung eines Gegenstandes zum Betrachter oder auch die Beziehung von zwei oder mehreren Gegenständen zueinander.

(Lichtenauer et al., 2011)

 

Abzeichnen

Laut Manual des FEW – 2 stellt das Abzeichnen einer Figur mit die gebräuchlichste Methode zur Testung der visuellen Wahrnehmungsfertigkeiten dar. Dabei können Informationen über die allgemeine Reife, Hirnfunktionsstörungen und feinmotorische Fähigkeiten gewonnen werden. Ebenso ist die visuelle Repräsentation von Objekten und deren Umsetzung ersichtlich.

(frei nach Böttner et al, 2008))

 

Gestaltschließen

Bei dieser Aufgabe müssen bekannte Objekte auch dann als solche erkannt werden, wenn es nur teilweise, bruchstückhaft oder gekürzt dargeboten wird. Dies ist vor allem beim Erlesen fremder Schriften eine wichtige Eigenschaft, aber auch beim Erkennen von Alltagsobjekten die nur teilweise oder bruckstückhaft zu sehen sind.

(Büttner et al., 2011)

 

Visuo – motorische Geschwindigkeit

Das Zusammenspiel von visuellen und motorischen Fertigkeiten ist eine wichtige Voraussetzung für die Entscheidungsfähigkeit und die Reaktionszeit bei der Lösung von Problemstellungen unterschiedlichster Art. Bei Testaufgaben hierzu soll die Verarbeitungsgeschwindigkeit  gemessen werden, die nötig ist, um visuelle Reize zu differenzieren oder zu vervollständigen und nach der Beteiligung von kognitiven Verarbeitungsprozessen zu einer visuo motorischen Antwort führen.

(Lichtenauer et al., 2011)

 

Wahrnehmung räumlicher Beziehungen

Die Wahrnehmung räumlicher Beziehungen ist die Fähigkeit Muster und sich wiederholende Strukturen zu erkennen und in Bezug zu sich selbst oder anderen Objekten einzuordnen. Inwieweit verschiedene Gegenstände zueinander in Beziehung stehen erfordert neben Kenntnissen der Raum – Lage auch das Wissen der räumlichen Beziehung zueinander. In den Testaufgaben werden hierzu einfache Punktemuster vorgegeben, deren Beziehung zueinander auf einem freien Feld selbstständig erarbeitet bzw. kopiert werden soll.  Legt das Kind z. B. mit Schnüren einen Buchstaben auf den Tisch, so muss es die Beziehung der Schnur zu sich selbst wahrnehmen und gleichzeitig die Beziehung der Schnüre zueinander beachten.

(Lichtenauer et al., 2011)

 

Literatur:

Lichtenauer N., Reif M., Orichel M., Schramm E., Starnecker B., Wagenhuber U., Borck L. (2011):  in Fördern – Heilen – Stärken, Kinder und Jugendmedizin in der Inn – Salzach – Region, Kapitel 21. Ergotherapie – Eine Information für Patienten und Ihre Eltern, Gebr. Geiselberger GmbH Druck & Verlag, Altötting

Büttner G., Dacheneder W., Schneider W., Weyer K. (2008): FEW – 2 Frostig Entwicklungstest der visuellen Wahrnehmung 2 – Manual, Hogrefe Verlag, Göttingen