Kosten der Ergotherapie im Gesundheitssystem

„Nach der Reform ist vor der Reform“

 

Für kaum einen Bereich im deutschen Sozialsystem gilt dieser Satz wohl zutreffender als für das Gesundheitssystem in der Bundesrepublik Deutschland.

Nahezu kein Wirtschaftsbereich ist von so vielen unterschiedlichen Interessensvertretern und Lobbyisten geprägt und zudem mit Vorurteilen und Falschinformationen behaftet wie der Bereich des Gesundheitssystems.

Die hier dargestellten Informationen sollen helfen ein wenig Klarheit in die Kostenstruktur des deutschen Gesundheitssystems zu bringen und die Ausgaben für die Heilmittelbereiche der Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie nach Informationen des Heilmittelberichts der Allgemeinen Ortskrankenkassen darzustellen. Ein besonderer Augenmerk wird dabei auf die von der Ergotherapie verursachten Kosten gelegt und in einem Gesamtzusammenhang zum Gesundheitssystem gebracht.

Laut Bundeskassenärztlicher Vereinigung  betrugen die Gesamtausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) im Jahre 2009 ca. 170,8 Mrd. Euro. (Gesamtausgaben GKV 2006: 148 Mrd. €)  (Quelle: Kassenärtzliche Vereinigung)

Vergleicht man dies mit den Gesamtausgaben der Bundesrepublik Deutschland so stellt man fest, dass jeder 4 - 5 Euro in Deutschland im Jahr 2010 in einem Zusammenhang mit dem Bereich Gesundheit ausgegeben wurde. Alle öffentlichen Institutionen in Deutschland (Bund, Länder, Kommunen) gaben 2010 ca. 734,5 Mrd. € aus. ( Quelle Bundesfinanzministerium, 2011)

 

Die Kostenverteilung der GKV von 170,8 Mrd. € im Jahr 2009 gliedern sich dabei wie folgt:

  • Krankenhaus 56,2 Mrd. € (33%)
  • Arzneimittel 28,5 Mrd. € (16,8%)
  • Ärzte 26 Mrd. € (15,2%)
  • Heil- und Hilfsmittel 13,6 Mrd. € (7,9%)
  • Zahnärzte / Zahnersatz 11,2 Mrd. € (6,6%)
  • Krankengeld 7,2 Mrd. € (4,2%)
  • Fahrkosten 3,5 Mrd. € (2,0%)
  • Kuren gesamt 2,4 Mrd. € (1,4%)
  • Häusliche Krankenpflege  2,9 Mrd. € (1,7%)
  • Sonstige Leistungsausgaben 9,1 Mrd. € (5,3%)
  • Verwaltungskosten der Krankenkassen 8,9 Mrd. € (5,2%)
  • Sonstige Ausgaben 1,3 Mrd. € (0,7%)

 

(Quelle: Bundesgesundheitsministerium BMG, 2010)

 

Für den gesamten Bereich der Heil- und Hilfsmittel wurden also laut Statistik des Bundesgesundheitsministeriums 13,6 Mrd. € ausgegeben. Dies beinhaltet sowohl die Ausgaben der von den Krankenkassen ambulant finanzierten therapeutischen Fachbereiche (Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie, Podologie) als auch die Kosten für etwaige Hilfsmittel wie Rollstühle, Hörgeräte oder ähnliches

Der Anteil der reinen Heilmitteln an diesem Betrag beläuft sich dabei laut Heilmittelbericht der AOK im Jahr 2009 auf 4,1 Mrd. Euro. (Quelle AOK Heilmittelbericht)

 

Innerhalb dieses Heilmittelbetrages sind dabei alle Ausgaben für die oben genannten therapeutischen Fachbereiche zusammengefasst.

Laut dem Heilmittel – Informations – System (HIS) der GKV ist die Ergotherapie dabei für ca. 14% der Gesamtausgaben der Heilmittel verantwortlich (Physiotherapie ca. 70%, Logopädie ca. 10%, andere therapeutische Berufe ca. 6%).

Rechnet man dies auf das gesamte Heilmittelbduget um, so entspricht es einem Gesamtausgabevolumen für Maßnahmen der ambulanten Ergotherapie von 574 Millionen Euro im Jahre 2009 und lediglich 0,34% der Gesamtausgaben im Gesundheitssystem werden für ergotherapeutische Maßnahmen bereit gestellt.(Quelle: AOK Heilmittelbericht)

 

Gleichzeitig gibt es bei Kostensteigerungen innerhalb des Gesundheitssystems immer wieder Diskussionen um Sparpotenziale und um „Kostentreiber“ im Gesundheitsbereich. Die Heilberufe müssen sich in regelmäßigen Abständen rechtfertigen warum sie zu den Kostensteigerungen beitragen.

 

 

Vergleicht man diese Informationen nun in einem langfristigen Trend zu der Entwicklung von Heilmittekosten, so ist ersichtlich dass die Kosten für Heilmittel inflationsbereinigt im Verlauf der Jahre  stabil geblieben sind bzw. unter Einbeziehung der erbrachten Mehrleistungen an Rezepten die Bezahlung für eine einzelne Leistung sogar gesunken ist. 

Der AOK Heilmittelbericht aus dem Jahre 2006 gibt dazu folgende Statistik.

Im Jahre 1994 wurden 111 Mrd. € an Gesamtausgaben für das Gesundheitssystem aufgeführt, davon 2,5 Mrd. € Ausgaben für Heilmittel. Dies entspricht einem Anteil von 2,3 %, so dass man grundsätzlich innerhalb der letzten 16 Jahren von einem gleichbleibenden Anteil für Ausgaben innerhalb der Heilmittel sprechen kann. (2009: 2,4%)

Der Anteil für Heilmittelausgaben am Gesamtbudget der GKV ist innerhalb der letzten 16 Jahre  von 2,2 bis 2,8% geschwankt und pendelte sich die letzten Jahre bei 2,4 % ein.

 

Nimmt man die absoluten Zahlen zu Grunde sind die Gesamtausgaben im Gesundheitsbereich in den letzten 16 Jahren von 1994 bis 2010 von 111 Mrd. € auf 170,8 Mrd. € um nahezu 60 Milliarden Euro gestiegen. Im gleichen Zeitraum haben sich die Ausgaben für Heilmittel von 2,5 Mrd. € auf 4,1 Mrd. € erhöht. Dies entspricht einer Steigerung  der Gesamtausgaben im Verlaufszeitraum um ca. 54 % und eine Steigerung der Heilmittelausgaben um 64 %. Dennoch ist der Anteil der Heilmittelausgaben am Gesamtbudget in etwa konstant geblieben. Denn gleichzeitig wurden die erbrachten therapeutischen Leistungen immer mehr, so dass effektiv sogar von einer Kürzung der bezahlten Leistung zu sprechen ist. Die Rezeptverordnungen sind allein im Zeitraum von 2005 - 2009 um ca. 44% von 28,8 Millionen im Jahre 2005 auf 36,2 Millionen im Jahre 2009 gestiegen. Dies entspricht so gesehen einer Leistungskürzung pro erbrachter Therapieeinheit.

 

Weiter ist im Heilmittelbericht 2009 nachzulesen, dass von den 36,2 Millionen Rezepten ca. 31,7 Millionen für physiotherapeutische Leistungen verwendet, 1,7 Millionen Rezepte für die Logopädie und 2 Millionen für die Ergotherapie ausgestellt wurden.

Rund 43% aller ergotherapeutischen Leistungen entfallen dabei auf Kinder unter 15 Jahren . (rund 860000 Rezepte. (Quelle. AOK Heilmittelbericht 2006 und 2009)

 

 Beispielvergleich zur medikamentösen Therapie mit Methylphenidat:

 

Um einen Vergleich über entstehende Kosten im Gesundheitssystem zu schaffen, lohnt der Blick auf andere therapeutische Maßnahmen und Ihre Kosten. Während die Heilmittel einen seit 16 Jahren nach wie in etwa gleichbleibenden Betrag für die Behandlung von Millionen von Menschen benötigen, kommt es gerade innerhalb der medikamentösen Behandlung immer wieder zu schier unglaublichen Kostensteigerungen.

Gerade die weltweit stark im Diskurs stehenden Medikamente mit dem Inhaltsstoff Metyhlphenidat verursachen mittlerweile eine Kostenexplosion hohen Ausmaßes.  Laut einem Bericht der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2011 wuchs der Verbrauch des Wirkstoffes Methylphenidat in Deutschland von 34 Kilogramm im Jahr 1993 auf 1,735 Tonnen im Jahr 2009.

 

Dies entspricht einer Vervierzigfachung !!! des Verbrauchs und der Kosten innerhalb von 16 Jahrenin Deutschland.

Geht man derzeit von einem Preis von 50 cent pro Tablette aus, so entstanden beispielsweise im Jahr 2009 ca. 90 Millionen Euro Kosten für die Behandlung mit Methylphenidat. (Quelle: TK 09.05.2011: (Zu) viele Pillen für den Zappelphilipp?! Über 1,7 Tonnen Tabletten für AD(H)S-Kinder)